Verpiß Dich!
Partnerschaft zwischen Gereiztheit und Gelassenheit
Es ist wieder soweit. Mitten im zuvor freundschaftlichen Gespräch wechselt meine Freundin Anne schlagartig die Tonart, wird angriffslustig, legt jedes meiner Worte auf die Goldwaage und springt schließlich wutentbrannt auf, um aus dem Zimmer zu rauschen.
Dabei ist sie keine Cholerikerin. Sie ist nicht prinzipiell leicht erregbar, unausgeglichen, jähzornig und zu Wutausbrüchen neigend, wie die Definition lautet.
Nein, sie ist einfach hungrig! Schließlich fastet sie seit mehr als 2 Tagen und verzichtet auf Frühstück, Mittagessen und Abendbrot. Der Magen knurrt und das Rumoren ist leicht als das wütende Knurren eines hungrigen Wolfes zu interpretieren, mit dem sich bekanntlich nicht spaßen lässt.
Im Fachjournal Plos One wurde kürzlich eine Studie der Anglia Ruskin University (ARU) in Cambridge veröffentlicht, die den Zusammenhang zwischen sinkendem Blutzuckerspiegel und Reizbarkeit untersuchte. Sie kam zu dem Ergebnis, dass nicht nur emotionale Faktoren bei ständiger Reizbarkeit eine Rolle spielen können, sondern auch ein niedriger Blutzuckerspiegel. Erstaunlich?
Wer fastet oder mit dem Rauchen aufhört, leidet zunächst unter Entzugserscheinungen. Auch die Nebenwirkungen verschiedener Medikamente oder Stress und schlechter Schlaf können eine Ursache für Reizbarkeit sein. Immerhin klagt jeder 3. über Schlafmangel, bei den 19 bis 29-jährigen hat sich die Zahl der Schlaflosen in den letzten 10 Jahren sogar verdoppelt.
Womit wir bei einer weiteren Erklärung für Annes Reizbarkeit wären: Seit einiger Zeit arbeitet sie im Homeoffice und findet kaum Möglichkeiten abzuschalten. Es fällt ihr schwer das Private vom Beruflichen zu trennen. Der Chef schickt auch um 22 Uhr noch eine Mail, die beantwortet werden soll, die Auftragslage ist insgesamt schlecht, Existenzsorgen plagen meine Freundin. Wie ihr geht es Vielen, die sich in einer Ausnahmesituation befinden oder an der Gesamtsituation verzweifeln.
Die meisten Menschen erleben in ihrem Leben Phasen von Unzufriedenheit, Einsamkeit oder Überlastung. Oft ist daran nicht der Partner schuld, sondern einfach das Leben selbst, das nun mal kein Ponyhof ist. Wir haben vielfach schlicht keine Ahnung, was mit uns los ist. Denn obwohl wir alle fühlen, wissen wir trotzdem manchmal nicht, was sich unter den aufflammenden Emotionen verbirgt.
Das Donald Trump als Prototyp des reizbaren, unkontrollierten und launischen Grantlers von jedem Erstsemester Psychologie enttarnt werden kann in seiner Angst und Unsicherheit, nützt ihm selbst zunächst wenig.
Bin ich wirklich unzufrieden mit dem Partner oder verunsichert durch die momentanen Umstände meines Lebens? Bin ich wütend oder äußert sich mein Hunger als Wut? Sind möglicherweise Gefühle aus der Vergangenheit getriggert worden?
Vergessene verletzte Emotionen wirken oft wie Fangnetzte aus der Kindheit, die sich über eine aktuelle Situation legen. Es lohnt sich genauer hinzusehen und die eigenen Gefühle zu hinterfragen. Wir sind für unsere Emotionen selbst verantwortlich, niemand macht mich wütend, wenn in mir nicht schon ein Gefühl schlummert, das damit in Resonanz geht.
Inzwischen hat sich meine Freundin wieder beruhigt. Sie hat bei einer Joggingrunde um den Block Dampf abgelassen und sich mit einer Tasse Tee zu mir gesetzt . Jetzt denken wir gemeinsam über Strategien nach. Lösungen für beide Seiten, für die Reizbaren und für Diejenigen, die damit konfrontiert werden.
Veränderung setzt Einsicht voraus, besonders aber die Erkenntnis, dass ich niemanden ändern kann, als mich selbst.
Gehöre ich also zu der Fraktion der aufbrausenden, entrüsteten, leicht erregbaren Wutschnaubenden, mache ich es sicher längst wie Anne: Ich übernehme Verantwortung für meine Gefühle und gehe ihnen auf den Grund (und suche mir dazu womöglich professionelle Hilfe). Ich frage mich, was ich tun kann, damit ich mich besser fühle. Fehlende Selbstfürsorge ist eine häufige Ursache für Unzufriedenheit.
(Audio-Soforthilfe zum Sich-Besser-Fühlen)
Wie aber kann ich als Betroffene mit reizbaren Menschen in meiner Umgebung am besten umgehen? Wenn ein Partner, und das kann auch der Arbeitskollege, der Chef oder die Nachbarin sein, mich mit ihrem Verhalten herausfordern.
Ein Beispiel: Seit einiger Zeit kann Simone es Ihrem Mann Peter gar nicht mehr recht machen. Kocht sie, putzt er ihr hinterher. Fragt sie beim gemeinsamen Spaziergang ob sie an der nächsten Ecke rechts oder links gehen, fährt er sie an, dass sie doch nicht ständig alles kontrollieren müsse, er wisse schon welchen Weg sie gehen müssten. Im gemeinsamen Gespräch gibt es nichts, was ihn überzeugen kann, ihre Beiträge sind entweder dumm, oder unreflektiert, sie könne nicht denken oder laufe Binsenweisheiten hinterher. Spricht sie ihn darauf an, dass sie sich nicht wertgeschätzt fühlt, wehrt er ab und entgegnet sie solle nicht so empfindlich sein.
Simone fühlt sich ungerecht behandelt, mißachtet und nicht gesehen. Peter ist genervt von Simones Art zu kochen, zu gehen, zu essen und sogar von ihrer Art zu atmen. Die Situation scheint festgefahren, weil Peter Simone die Schuld gibt ihn zu triggern. Simone findet Peter zunehmend ungenießbar, sie wird ihm gegenüber mürrisch und abweisend. So schaukelt sich die Situation weiter und weiter auf, bis …..
Ja, lieber Leser, was wird als nächstes passieren? Zwei Möglichkeiten stehen zur Wahl.
Simone erträgt die Geringschätzung nicht mehr und reicht die Scheidung ein. Peter kämpft verbissen um sein vermeintliches Recht, er versteht nicht warum Simone „so ein Theater“ veranstaltet und lässt es zum Rosenkrieg kommen. Er ist froh sie loszuwerden.
Simone und Peter entschließen sich Hilfe zu holen, vereinbaren einen Termin bei einer Paartherapeutin und beginnen ihre Beziehung so zu gestalten, dass sie für beide eine bereichernde Erfahrung ist.
Dieses zweite Szenario muss keine Märchenerzählung sein. Beziehung lebt immer von beiderseitigem Verständnis für das So-sein und der Bereitschaft etwas füreinander zu tun.
Die erste Regel lautet: Du wirst nie von jemandem destruktiv kritisiert werden, dem es emotional besser geht. Wir sind selten die Ursache für die Gefühlsausbrüche unserer liebsten Nächsten.
Ein ruhiges, neutrales Statement setzen, ist eine erste Möglichkeit zur Deeskalation „Ich finde dein Verhalten unangemessen und beende vorläufig das Gespräch an dieser Stelle“. Damit ist eine Grenze markiert und der Standpunkt klargemacht. In einer ruhigeren Situation kann man dann noch einmal nachhaken. Was hat Dich so aufgeregt, was war los mit dir? In einer Liebesbeziehung lautet die Wunderfrage:
Was kann ich tun, damit es Dir besser geht?
Und wenn die schmerzhaften Themen zur Sprache kommen, ist nichts wichtiger als genau hinzuhören! Alles, was der Partner sagt, kann für beide gelten! Und nichts nimmt einem überforderten, gereizten Partner mehr die Luft aus den Segeln und die Last von den Schultern, als Sätze, wie:
Ich verstehe Dich. Es muss schwer sein für Dich. Lass mich das für dich tun.
Es gibt viele Stationen im Beziehungsleben, die Krisen heraufbeschwören können, ein häufiger Auslöser kann die Geburt eines gemeinsamen Kindes und die damit verbundene Neuverteilung der Aufgaben sein. Der Stressfaktor steigt auf beiden Seiten. Und die Empfehlung, zuerst sich selbst mit der Atemmaske zu versorgen und sich dann um die Mitreisenden zu kümmern, stösst nicht immer auf Zustimmung. Vorwürfe tragen aber nicht zur Entlastung bei und sind eher Anzeichen einer Regression. Gut für sich selbst zu sorgen, ist nicht blanker Egoismus. Es bedeutet seine Kräfte klug einzuteilen. Wer emotional ausgeglichen ist, kann den Partner unterstützen und die Hilfe geben, die dieser braucht.
Dem anderen zu helfen, bedeutet hier aber nicht die mangelnde Fähigkeit Grenzen zu setzen! Eine Partnerschaft ist kein Bedürfnisbefriedigungsbüro. Wer gut mit sich selbst sein kann, muss keine Zäune um sich ziehen.
Es geht um die Unterstützung des emotional bedürftigeren Partners. Und beide Seiten sollten wissen:
Was Du von einem anderen erwartest, schenkst Du Dir selbst nicht.
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„Was du von einem anderen erwartest, schenkst du dir selbst nicht.“
Ich finde deinen Text so gut, weil er wieder diese einfache Grundwahrheit zeigt: Liebe beginnt bei dir selbst. Sei glücklich mit dir, fühle dich wohl in deiner eigenen Haut. Und wenn du das erreichst, bist du auch mit der Welt mehr im Reinen.
Dann verschenkst du die Gefühle, die du in dir trägst, an andere, einfach weil es dir Freude macht, Menschen glücklich zu sehen. Du erwartest nichts, weil du innerlich längst nicht mehr leer bist.
Vielleicht ist genau das die freiste Form von Liebe.
Ach und danke für diesen wundervollen Gedankengang 🙏